Das war mein erster Gedanke als es hieß, das diesjährige Arbeitswochenende geht nach Erfurt.

Erfurt. Ich muss gestehen, diese Stadt ist mir bisher nicht als lohnendes Ziel für ein langes Wochenende in den Sinn gekommen. Einigen meiner Mitmenschen wohl auch nicht. Jedenfalls erntete ich jedes Mal, wenn ich sagte, ich fahre nach Erfurt, nur zwei Reaktionen. Die einen fragten verblüfft „Wieso Erfurt?“ (Meine Antwort: Wieso nicht Erfurt?) und die anderen gerieten mit leuchtenden Augen ins Schwärmen und hatten Vorschläge parat, was ich mir unbedingt anschauen müsste. In der zweiten Gruppe gab es niemanden, der die Stadt nicht sehenswert fand.

 

Und nun sitze ich im IC nach Erfurt. Beschwere sich mal jemand über die Bahn! Der Zug kam auf die Sekunde pünktlich. Jetzt liegt eine längere Fahrt vor mir, die ich bei schönstem Wetter aus dem Fenster schauend verbringen werde, während die Welt an mir vorbeizieht.

Dreieinhalb Stunden später. Der Erfurter Bahnhof empfängt mich mit einigem Trubel. Der Weg zum Hotel (Mercure Altstadt) ist leicht zu finden und führt mich durch eine moderne Einkaufsstraße mit einer Vielzahl kleiner und größerer Geschäfte. Ein Shopping-Paradies! Und alsbald sehe ich auch schon den Herrn, für den diese Stadt besonders war: Martin Luther.

Nach 20 Minuten bin ich im Hotel. Meine Mitreisenden sind auch schon eingetroffen und so machen wir uns auf zu einem ersten Rundgang. Es stellt sich heraus, dass wir das Hotel wirklich gut ausgewählt haben: Alle Sehenswürdigkeiten in der Altstadt sind in wenigen Minuten erreichbar.

Als Erstes zieht es uns zur Krämerbrücke, die rechts und links mit wunderschönen Häuschen bebaut ist, die ebenso kleine wie interessante Läden mit einem besonderen Eishersteller, einer Schokoladenmanufaktur, thüringischen Spezialitäten, sehr viel Handwerkskunst und einem mechanischen Theater beherbergen, um nur einige zu nennen.

Die Irrfahrten des Odysseus

Von hier aus gehen wir in Richtung Dom. Auf dem Domvorplatz (mit 14 000 m² einzigartig in Europa) hat sich gerade eine Kirmes aufgebaut. Die Geräuschkulisse ist enorm und nicht sehr angenehm. Der Dom selbst, erbaut Mitte des 8. Jahrhunderts, thront etwas oberhalb des Domplatzes und man erreicht ihn entweder über 70 Stufen oder mit einem Umweg über eine Rampe.

So eine Eingangstür – da läuft einem doch schon ein Schauer über den Rücken. Was mag einen hier erwarten?

Er ist innen nicht ganz so prunkvoll ausgestattet, wie man es vielleicht von einem Dom erwartet (aber das ist nur meine unmaßgebliche Meinung). Mit über 300 Sitzplätzen ist seine Größe schon ehrfurchteinflößend.

Für den Abend haben wir eine Führung im Augustinerkloster gebucht. Titel: Luthers schlaflose Nächte in Erfurt. Vorher aber wollen wir zu Abend essen und finden in der Nähe des Klosters ein kleines ungarisches Restaurant mit einer ebenso überschaubaren Speisekarte. Wir lassen uns auf das Abenteuer ein und werden nicht enttäuscht. Es gibt wahlweise einen Abendbrotteller (Schornsteinbrot mit Wurst, Käse und Dips) oder Schornsteinbrot mit Dips. Oder Gulaschsuppe oder Tagessuppe (heute Brechbohnensuppe). Wir haben uns für das Schornsteinbrot entschieden und waren sehr angetan. Zum Brot gab es drei verschiedene Dips.

So gestärkt, machen wir uns auf den Weg zum Kloster. Mittlerweile ist es 21 Uhr und auch schon recht dunkel. Auf der Führung werden wir von einem frischgebackenen Lehrer für Religion und Geschichte begleitet, der uns direkt warnt, dass er seine Fächer nicht verleugnen kann und möglicherweise sehr ins Detail geht. Zunächst laufen wir um das Kloster herum, erfahren einige geschichtliche Fakten und Mythen, wissen nun, was eine Spendennische ist, und vor allem um die Bedeutung des frühgotischen Bettelordens. In einen Bettelorden durften nämlich nur reiche Männer eintreten, die ihr gesamtes Hab und Gut natürlich dem Orden vermachen mussten. Arme Menschen wurden nicht aufgenommen, da Betteln und Entsagung für sie nichts Besonders waren.

Die Spendennische

Dann werfen wir einen kurzen Blick in die Kirche …

… ehe es weiter geht zum so genannten Luther-Tor. Hier soll Luther an die Pforte geklopft haben und um Beitritt zum Orden gebeten haben. Wobei man sich vor der Zulassung erst noch bewähren musste. Es gab tatsächlich so eine Art Praktikum.

Das Luther-Tor
Der Innenhof

Mittlerweile wird es doch etwas frisch und wir sind erst mal froh, dass es jetzt ins Innere des Klosters geht. Okay, wirklich warm ist es hier auch nicht. Besichtigt werden das Dormitorium und Luthers Schlafzelle. Und auch hier bringt unser Guide ein „Anekdötchen“ (die ganze Führung läuft eigentlich nach diesem Schema ab und macht den Abend so lebendig): „Das ist also Luthers Zelle. Stimmt aber eigentlich nicht. Die Mönche haben sich abends auf dem Boden zusammengekuschelt, was bei den minus 5 Grad Celsius, die hier herrschten, nicht verwunderlich war.“

Auch in der Klosterkapelle empfängt uns keine wohlige Wärme. Bei Kerzenschein – jeder Teilnehmer erhält eine kleine Kerze – können wir dann am eigenen Leib erfahren, was es wohl geheißen hat, in dieser Kälte dem morgendlichen Gottesdienst beizuwohnen. Wir erfahren weitere Einzelheiten zu Luthers Wirken an diesem Ort und auch hier wieder: „Es heißt, dass … Kann aber gar nicht stimmen, weil …“.

Die andächtige Besucherschar

Mit einem starken Kräuterlikör, der uns im Kreuzgang kredenzt wird, endet dann die Führung (die ich wirklich empfehlen kann).

Das war doch schon mal ein gelungener Einstieg in unser Wochenende.

Am nächsten Tag steht der egapark auf dem Programm. Er ist bereits 1961 als internationale Gartenschau angelegt worden und war 2021 Ort der Bundesgartenschau. Seit einigen Jahren sendet auch der MDR Garten von hier aus.

Die Gärtner haben sich hier viel einfallen lassen und zeigen, was man alles mit Blumen kreieren kann.

Die Blumenpracht ist auch im April sehenswert, wobei jetzt natürlich die Frühblüher, vor allem Tulpen, Saison haben. Der Park ist in verschiedene Bereiche unterteilt: Es gibt ein großes Blumenbeet, einen japanischen Garten, einen Rosen-, Skulpturen-, Dahlien-, Iris- und Liliengarten. Der Park ist so weitläufig, dass sich alle seine Schönheiten an einem Tag gar nicht erfassen lassen.

Ein besonderes Highlight ist auch der Karl-Foerster-Garten, ein Staudengarten, der ihm zu Ehren angelegt wurde. Allein dieser Bereich hat eine Fläche von 7.500 m² und wurde in den 1950er Jahren unter dem Titel „Gärten der Jugend“ als Obst- und Gemüsegarten angelegt.

Aber nicht nur Pflanzenliebhaber kommen hier auf ihre Kosten. Es gibt einen riesigen Spielplatz für Kinder aller Altersgruppen mit Klettergerüsten, Planschbecken und eigens für den egapark entwickelten Spielgeräten. 

Und besonders beliebt ist natürlich auf der Streichelzoo – wobei das Federvieh sich nicht ganz so gerne streicheln lässt.

Natürlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt. Restaurants, „Pommesbuden“, Eisverkäufer … alles, was man für einen gelungenen Tag im Freien braucht. Daneben laden Liegestühle, Sitzbänke, Gesundheitsliegen zum Ausruhen und Genießen der Sonne (was haben wir Glück mit dem Wetter!) ein.

Etwas versteckt finden wir eine kostenlose Weinprobe. Darf man um 11:00 Uhr schon Wein trinken? Wir finden, man darf – entscheiden uns aber lieber für Sekt (wir haben ja gerade gefrühstückt).

Nach dieser „Stärkung“ besuchen wir das sehenswerte Danakil – das weltweit erste Wüsten- und Urwaldhaus seiner Art. Zwei Klimazonen werden hier beleuchtet, deren verbindendes Element das Wasser bzw. das nicht vorhandene Wasser ist. Abgeleitet ist der Name von einer heute lebensfeindlichen Wüste in Äthiopien, die früher zu einer der fruchtbarsten Regionen der Welt gehörte. Es geht zunächst durch die Wüste mit ihren Pflanzen und Tieren. Der Besucher erfährt viel über die Strategien, die Flora und Fauna zum Überleben in dieser unwirtlichen Umgebung entwickelt haben.

Durch ein ausgetrocknetes Flussbett, ein Wadi, geht es zunächst in die Wüste. Es ist schon ziemlich beeindruckend, wie sich Pflanzen und Tiere an diese starke Hitze und extreme Trockenheit angepasst haben.

Australische Tannenzapfenechse
Afrikanischer Ochsenfrosch

Nur ein paar Schritte weiter stehen wir im Urwald mit seinen unterschiedlichen Bewohnern. Auch hier bekommt der Besucher wieder Informationen, wie Tiere und Pflanzen mit einem Zuviel an Wasser zurechtkommen.

Selbst die Kokons sind ein Hingucker
Giftpfeilfrösche
Mahlzeit!

Mittlerweile ist es später Nachmittag. Wir haben längst nicht alles gesehen, sind aber auch schon ziemlich geschafft. Deswegen gönnen wir uns noch eine Fahrt mit dem egapark-Express, um wenigstens noch ein bisschen mehr zu sehen. Das Bähnchen zockelt gemütlich durch den Park und gibt uns einen Eindruck von der tatsächlichen Größe dieser Anlage.

Haltestelle
Und „in echt“
Der Aussichtsturm, 272 m hoch.

Zufrieden und müde kehren wir ins Hotel zurück.

Den nächsten Tag beginnen wir mit einem späten, ausgiebigen Sektfrühstück in einem kleinen Café hinter der Krämerbrücke. Um 13:00 Uhr sind wir zu einer kulinarischen Stadtführung angemeldet, die auf dem Domplatz startet. Veranstalter ist „Eat the world“ und man verspricht uns eine kulinarische Tour durch Erfurt. Unsere Begleiterin ist pünktlich da und versucht, gegen den Lärm der Kirmes Geschichtliches über Erfurt zu vermitteln. Sie gibt relativ schnell auf und wir steuern den ersten Halt an: das koreanische Restaurant Wollkim (zusammengesetzt aus den Namen der Betreiber). Dort erwartet uns eine koreanische Vorspeise und Kimchi, beides sehr lecker.

Weiter geht es durch die Stadt und wir erfahren sehr viel darüber, wie der Reichtum nach Erfurt kam, warum es so viele Brauereien in der Stadt gab, wo Sprichwörter wie „blau machen“, „zum Himmel stinken“, „grün und blau schlagen“ oder „Geld stinkt nicht“  herkommen.

Auch Till Eulenspiegel hat hier seinen Platz. Schließlich hat er es geschafft, dem Esel das Lesen beizubringen.

Als nächstes kehren wir in einem Restaurant für gesundes, bewusstes Essen ein: Cognito. Dort wird uns eine Tomatensuppe serviert.

Der nächste Halt ist ein vietnamesisches Restaurant. Hier erwarten uns wieder zwei Vorspeisen, die absolut sehenswert und köstlich sind!

Danach geht es auf die Krämerbrücke. Neben interessanten Informationen, warum diese Brücke im Mittelalter so wichtig war, lernen wir eine thüringische Spezialität kennen: Filinchen, eine Art Knäckebrot, mit Gutsleberwurst und zum Abschluss Eierlikör im Schokobecher – das alles serviert von einem malerischen älteren Herrn, den man eher auf einem Rockkonzert denn in einem Lebensmittelladen vermuten würde. Dass wir mit unserer Vermutung gar nicht so daneben lagen, erfuhren wir etwas später. Der nette Herr ist nur die Vertretung der Ladeninhaberin bei der Sonntagstour.

Auch wenn man jetzt auf die Idee kommen könnte, wir würden von einem Lokal ins nächste stolpern, kann ich versichern, dass unsere Begleiterin uns viel Wissenswertes zu erzählen hat. Unter anderem berichtet sie von der Wohnungs- und Raumknappheit im Mittelalter (ach, auch da schon!) und von der regen Bautätigkeit rund um Dom und Krämerbrücke. Von der fehlenden Ausbreitungsmöglichkeit zeugen zahlreiche sehr schmale Gassen. Trotzdem musste eine Mindestbreite – nämlich eine Sargbreite – eingehalten werden. Ein ernstes Kriterium. 

Und nein, die Völlerei hat noch kein Ende. Es folgen die Goldhelm Schokoladen Manufaktur, der Eissalon („Natur Eis ohne Gedöns“) und Chez Laurent, ein französisches Bistro, dessen Inhaber uns mit seiner Vorliebe für Chartreuse und der richtigen Art des Genießens dieses edlen Kräuterlikörs zu begeistern versucht. Der angebotene Flammkuchen war da eher Nebensache.

Nach knapp vier Stunden sind wir nicht nur viel gelaufen, um viel Wissen reicher, sondern auch pappsatt (Hinweis an zukünftige Teilnehmer: vor der Tour besser nichts essen!). Es war eine sehr vergnügliche Stadtführung.

Der letzte Abend naht. Da wir vom vielen Laufen an den drei Tagen und vor allem von dem allgegenwärtigen Kopfsteinpflaster ziemlich geschafft sind, wollen wir den Abend eigentlich mit einem Absacker im Hotel verbringen. Aber schade, die Bar hat sonntags nicht geöffnet. Also schauen wir, ob es in den kleinen Seitenstraßen etwas Einladendes gibt, und landen bei Molly Malone, einem irischen Pub, wo wir auf einer Terrasse über der Gera sitzen und dieses wunderbare Wochenende ausklingen lassen

Mit Blick auf die Krämerbrücke
Und falls wir ins Wasser gefallen wären … Hilfe naht!

Am letzten Morgen gönnen wir uns ein Frühstück im Hotel. Das reichhaltige Frühstück ist in Ordnung, aber weder qualitativ gut noch außergewöhnlich, und rechtfertigt den verlangten Preis in keinster Weise.

Gestärkt machen wir uns auf die Rückreise. Auf dem Weg zum Bahnhof verlaufen wir uns doch tatsächlich, sind aber pünktlich zur Abfahrt am Gleis. Der Zug – man höre und staune – ist auch heute pünktlich und bis Essen haben wir gerade mal 9 Minuten Verspätung. Sorglos reisen mit der Bundesbahn.

 

Ein Teil der Fotos wurde mir freundlicherweise von Gabi F., Beatix M. und Daniela B.-R. zur Verfügung gestellt.