Kafkas „Prozess“ für Neugierige
Ich habe mich gefragt, was denn wohl ein talmudisches Tingeltangel sein mag – jetzt weiß ich es.
Dem Publikum wurde jedenfalls ein wilder Mix aus „Der Prozess“, „Der Hungerkünstler“, „Das Urteil“, „In der Strafkolonie“ sowie Ausschnitten aus Kafkas Tagebüchern geboten – untermalt von, wie es im Programm heißt, „Bach über Schumann bis jiddischem Vaudeville“.
Es ist sicher hilfreich, wenn man für diese Aufführung die Werke Kafkas kennt – oder vielleicht auch doch nicht? Jedenfalls war es teilweise etwas schwierig, den Zusammenhang nicht zu verlieren. In einer Szene noch Josef K., in der anderen Kafka himself.
Ich habe schon wirklich schräge Adaptionen von Kafkas „Prozess“ gesehen, aber diese hier war mit Abstand die bizarrste, ungewöhnlichste, längste und auch tatsächlich blutrünstigste Aufführung.
Hat sie mir gefallen? Ja. Wenn auch einige Szenen darin waren, die man sich hätte schenken können. War das Theater zu Beginn noch gut gefüllt, flüchteten extrem viele Zuschauer in der Pause. In meiner Reihe und in den Reihe vor und hinter mir waren von 20 Plätzen nach der Pause noch sechs bis acht Plätze belegt. Und das ist wirklich schade, denn die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler war grandios – allen voran Kathrin Wehlisch (vielen bestimmt aus diversen Fernsehkrimis bekannt), die drei Stunden lang nicht nur Kafka rezitieren, sondern auch jiddisch sprechen musste. Entsprechend frenetisch viel dann auch der Applaus der verbliebenen Zuschauer aus – und das wirklich zu Recht!
Aber auch die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler, die teilweise in drei verschiedenen Rollen zu sehen waren, sollen nicht ungenannt bleiben: Joyce Sanhá, Gabriel Schneider, Paul Herwig, Constanze Becker, Alexander Simon, Martin Rentzsch und Alma Sadé.
Auch das große Orchester verdient Erwähnung! Drei Stunden so unterschiedliche Musik zu spielen, verlangt auch den Musikern Einiges ab.
„K. – ein talmudisches Tingeltangel“ kann im Theater Marl noch bis Freitag besucht werden. Interessant ist es auf alle Fälle.
Danke