Was vor 58 Jahren als Vision begann, scheint nun zu einem Alptraum zu werden. Wie viel Hoffnung wurde damals, 1968, in die Grundsteinlegung der Stadt der Zukunft gelegt, in der alle Bewohner ungeachtet ihrer Herkunft, Religion und Ethnie in Frieden leben sollten. 53 Jahre schien das Vorhaben zu gelingen, aber seit 2021 machen sich Willkür und – leider muss man das so sagen – Machthunger breit. Aber mal von Anfang an …
Irgendwo auf der Erde sollte es einen Ort geben, den keine Nation als ihr alleiniges Eigentum beanspruchen kann. Einen Ort, in dem alle Menschen mit gutem Willen und aufrichtigem Streben frei als Weltbürger leben können und nur einer einzigen Autorität gehorchen: der höchsten Wahrheit.
(Mira Alfassa, Gründerin von Auroville, genannt „die Mutter“).
Schon in den 1930er Jahren entwickelte Sri Aurobindo (Politiker, Philosoph, Yogi und Guru) in seinem mit nur wenigen Schülern gegründeten Ashram in Puducherry die Idee einer zukunftsorientierten Stadt geistiger Freiheit, die Heimat für Menschen aus aller Welt werden sollte. Als er 1950 nach kurzer Krankheit im Alter von fast 80 Jahren verstarb, oblag es Mirra Alfassa, seit Anfang des 20. Jahrhunderts seine Gefährtin, seine Vision zu erfüllen.
Mirra Alfassa – die Mutter
Sri Aurobindo
Gemeinsam mit der indischen Regierung wurde das Projekt einer universellen Stadt im Jahr 1966 den Vereinten Nationen präsentiert, die daraufhin eine Resolution zur Anerkennung und Unterstützung des Projekts verabschiedete. Es dauerte allerdings noch bis zum 28.02.1968, bis aus dem Ashram das Stadtprojekt Auroville wurde.
Zur feierlichen Einweihung und Grundsteinlegung brachten damals 5 000 Menschen aus 121 Nationen sowie 23 indischen Staaten ein wenig Erde aus ihrer Heimat mit, die dann vermischt und in eine marmorverkleidete, lotusförmige Urne gegeben wurde, die heute das Herzstück des Amphitheaters am Matrimandir (der Tempel der Mutter) ist. Diese Erde sollte das Symbol des universellen und planetaren Eigentums sein.
Und 50 Jahre später, 2018, sollte es eine Wasserzeremonie geben, bei der das aus aller Welt gespendete Wasser zusammengegossen werden sollte als Zeichen für die Verbundenheit der Menschheit und als Erinnerung an die Grundsteinlegung Aurovilles.
Damals, am 28. Februar 2018 hatte ich die einmalige Gelegenheit, an diesem ganz besonderen 50. Geburtstag teilzunehmen: Eine Stadt wird 50 – wann kann man das schon mal live erleben? Noch dazu der Geburtstag einer so besonderen Stadt, aus einer Idee geboren, die ihrer Zeit trotz allen damaligen Umbruchs weit voraus war und deren Name allein schon eine Verheißung ist: Auroville – Stadt der Morgenröte.
So sehr ich mich freute, an dieser Zeremonie teilzunehmen: Es war es gar nicht so einfach. Hier sind in erster Linie nämlich nur Aurovillianer und deren Gäste erwünscht. Zum Glück kenne ich Bewohner der Stadt, die mich freundlicherweise mit einer Eintrittskarte versorgten. Erwartet wurden 5 000 bis 7 000 Besucher, darunter auch hochrangige Persönlichkeiten wie der indische Ministerpräsident Narendra Modi, der den Bewohnern in der Umgebung schon seit Tagen das Leben schwer machte, weil sämtliche Straßen gesperrt und überall Notfallübungen abgehalten wurden.
28. Februar 2018
Es ist 3:00 Uhr, als mein Wecker klingelt. Müde quäle ich mich aus meinem Bett. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, mitten in der Nacht eine Geburtstagsfeier zu veranstalten? Aber ich habe mir sagen lassen, allein schon die übliche Zeremonie, nämlich die gemeinsame Meditation der Aurovillianer an jedem Geburtstag ihrer Stadt, zu verpassen, wäre geradezu sträflich. Und dieses Mal ist ja nicht nur die gemeinsame Meditation geplant, sondern das Geburtstagskomitee hatte schon Monate im Voraus um Wasserspenden aus aller Welt gebeten, und dieser Aufforderung sind sehr viele Menschen gefolgt. Natürlich hatte ich auch Wasser mitgebracht, und zwar aus einem Teich in Osnabrück und von der Lippe in Dorsten. Noch ein Grund mehr, früh aufzustehen – schließlich wollte ich sehen, wie mein Wasser sich mit dem Wasser aus aller Welt vereint.
Mein Taxi kam, wie immer, pünktlich mit der akademischen Viertelstunde verspätet. Ich hoffte nur, dass die Straßen nicht schon hoffnungslos überfüllt waren! Wir hatten Glück. Mein Fahrer setzte mich rechtzeitig am Haupttor ab und dort standen auch schon die ersten Helfer, um die Menschenmassen zu ihren Plätzen zu geleiten. Das Amphitheater war schon gut besetzt und immer noch strömten Menschen hinein – das Ganze in relativer Dunkelheit und tatsächlich ziemlich schweigend. Doch kaum hatten die Leute auf den steinernen Stufen Platz genommen, begannen flüsternde Unterhaltungen; es summte wie in einem Bienenstock. Und die Völkerwanderung nahm immer noch kein Ende.
Kurz nach 5:00 Uhr wurde es nach und nach leiser und irgendwann waren alle verstummt und konzentrierten sich auf das schöne Kerzenarrangement im Zentrum des Amphitheaters am Fuß der mit Marmor verkleideten Urne. Meditation war trotzdem nicht möglich, denn vor, hinter, rechts und links von mir husteten sich die Menschen die Seele aus dem Leib (wobei ich gestehen muss, dass es um diese Uhrzeit bitterkalt war). Und wenn die Hustenattacken vorbei waren, hörte man das sanfte Schnarchen eines wohl zu tief Meditierenden. Leider hielt sich auch kaum jemand an das Fotoverbot und so erhellten Blitzlichter von allen Seiten das Dunkel. Eigentlich recht schade. (Natürlich habe ich auch Fotos gemacht, aber wenigstens ohne Blitzlicht – und mit Erlaubnis!)
Gegen 6:00 Uhr wurde ein Feuer entzündet, das hell in den immer noch dunklen Himmel loderte. Während es sich langsam durch die aufgeschichteten Zweige fraß, wurden Originalaufnahmen aus dem Gründungsjahr von „der Mutter“ auf Französisch abgespielt, deren Botschaft dann auch auf Englisch und in verschiedenen indischen Dialekten zu Gehör gebracht wurde.
Und dann begann endlich die Wasserzeremonie: Jeweils zwei Jugendliche bildeten eine Einheit, wobei der eine ein Schild in Form eines Wassertropfens, auf dem das Land vermerkt war, aus dem das Wasser stammte, und der andere einen Krug mit eben jenem Wasser, das er in das Gefäß unter dem schwebenden Globus entleerte, trug. Dann wurden die „Wassertropfen“ um das Kerzenarrangement drapiert.
Es war wirklich eine sehr schöne und würdevolle Zeremonie – wenn auch nur ein paar Minuten lang.
Ich weiß nicht, was in den Menschen vorgeht, dass sich offenbar niemand mehr an Regeln halten will. Auf den Eintrittskarten war vermerkt, dass man bitte während der Wasserzeremonie schweigen möge. Aber entweder waren die Steine, auf denen wir saßen, zu hart oder die Aufmerksamkeitskapazität erschöpft, jedenfalls standen einige Leute einfach auf und unterhielten sich ganz ungeniert über die Reihen hinweg. Diesem Beispiel folgte dann bald die Mehrheit der Anwesenden. Die schöne Zeremonie, die wirklich toll organisiert war, interessierte hier leider niemanden mehr.
Aus wie vielen Ländern Wasserproben nun letztendlich angekommen waren, weiß ich nicht, aber laut Festkomitee sollen es 315 Wasserspenden gewesen sein.
Die Feier endete ziemlich abrupt gegen 07:30 Uhr und die meisten der Anwesenden machten sich auf den Weg zum Ausgang. Dort gab es für die Gäste noch ein kleines Geburtstagsgeschenk: einen Button mit der Aufschrift „Auroville 50th Anniversary“, die Auroville Charta und ein Stückchen Naschwerk.
Was lässt sich nun nach 58 Jahren Modellstadt für eine neue Welt sagen? Ist das Experiment gelungen? Können Außenstehende dies überhaupt beurteilen? Von den von der Mutter anvisierten 50 000 Einwohnern ist Auroville noch weit entfernt, zurzeit sind es rund 2 700 Menschen aus 54 Nationen, die bereit waren und sind, nach der Charta von Auroville zu leben. Dass es immer noch nicht mehr Menschen sind, die hier leben, liegt möglicherweise auch an den gar nicht so kleinen Hürden, die zu nehmen sind, ehe man sich in Auroville niederlassen darf. Neben der Verpflichtung auf die Charta von Auroville muss der zukünftige Bewohner eine kleine Probezeit absolvieren, um seine Eignung zu beweisen. Er muss genug Geld haben, um sich ein halbes Jahr selbst unterhalten zu können. Er muss ein Rückflugticket in der Tasche haben, falls er nicht kompatibel ist. Und er muss jünger als 60 Jahre sein. Allein die letzten drei Bedingungen sind schon für viele ein unüberwindbares Ausschlusskriterium.
Dennoch meine ich, dass zumindest die ersten 50 Jahre durchaus ein Beweis sind, dass ein friedliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion möglich ist – abseits von Machthunger (es gibt keine Behörden, sondern nur gleichgestellte Räte) und Besitzstreben (Jeder nur das, was er braucht). Die Grundstücke in Auroville sind heiß begehrt, standen aber Immobilienhaien nicht zur Verfügung. Sie waren Eigentum der Auroville Foundation, durften nicht verkauft werden, sondern blieben einzig und allein den Bewohnern vorbehalten, die nur ein lebenslanges Wohnrecht hatten.
Das war 2018.
Und heute? Schreckensnachrichten verbreiten sich seit Dezember 2021. Angefangen mit dem Fällen von über 30 Bäumen bei Nacht und Nebel und dem Abriss des Jugendzentrums in Auroville, ohne dass man den Aurovillianern auch nur die Gelegenheit gegeben hätte, das Haus zu räumen, ohne die Bewohner auch nur anzuhören bzw. auf deren Empfehlungen zu hören, wie es mal von den Gründern von Auroville angedacht war. Riesige Bäume wurden gefällt für den Bau einer Ringstraße, gegen die sich die Bewohner Aurovilles ausgesprochen hatten. Vermutet wird hier der Versuch der BJP (Partei von Ministerpräsident Modi) und des RSS (Hindu-Freiwilligen-Corps, Anhänger Modis), die Führung der Auroville-Stiftung und damit der internationalen Stadt an sich zu reißen, um sie so schnell wie möglich zu besiedeln, da auch in Indien Wohnraum knapp ist. Auch der Verkauf von Grundstücken an Immobilienhaie ist plötzlich möglich. Wer sich wehrt, riskiert, ausgewiesen zu werden – trotz jahrelanger Zugehörigkeit zu Auroville, wie das Beispiel des 86jährigen Frederik zeigt.
Er soll Auroville verlassen, obwohl seine gesamte Familie dort wohnt.
Mir selbst ist der Fall eines langjährigen Bewohner Aurovilles bekannt, der bei einem Besuch vor drei Jahren in Deutschland plötzlich nicht mehr nach Indien zurück durfte mit der Begründung, sein Visum sei abgelaufen. Jetzt, nach drei Jahren und etlichen Gerichtsverhandlungen, hat er zumindest ein Touristenvisum erhalten. Aber was danach passiert – niemand wagt eine Prognose.
Die Einwohner von Auroville werden seit 2021 mehr oder weniger mundtot gemacht. Es ist ihnen bei Strafe verboten, ohne Genehmigung des Sekretärs der Stiftung Berichte zu veröffentlichen, Social-Media-Kommentare abzugeben oder gar Negatives über Auroville zu sagen. Auch die Tageszeitung Auroville today hat ihr Erscheinen eingestellt. Erst hat die neue „Stadtregierung“ ihre Gelder gesperrt, dann wurde die unabhängige Berichterstattung verboten und stattdessen sollte die Zeitung die nunmehr gängige Propaganda/Lügen über Auroville verbreiten. Dazu waren die Journalisten nicht bereit.
Die Einwohner Aurovilles haben ihren Frust und Unmut in einem Song zum Ausdruck gebracht: Don’t you count us gone! Anzuhören hier:
https://www.youtube.com/watch?v=viZjKMCptZI&list=RDviZjKMCptZI&start_radio=1
Mich macht es traurig und wütend, dass eine Idee, die offensichtlich 50 Jahre überstanden und bewiesen hat, dass der Traum friedlichen Zusammenlebens funktionieren kann, plötzlich dem Machthunger und der Gier gewisser Kreise geopfert werden soll. Möge es ihnen nicht gelingen!
schön von dir,das geschrieben zu haben.
ja es ist srhr schade das du die feier nicht so wie erleben konntest.
sei 1994 war ich fast jedes jahr dort,um auch mit den aurovillianen meinen geburtstag zu feiern.
2005 das letzte mal,sogar mit meiner ganzen familie.!!!!
sooo schön.
danach entwickelte sich auroville immer mehr so ,das das zusammenseinsgefühl immer trauriger wurde.
2023 beschloss ich für mich nicht mehr hinzufahren,weil mich die traurigkei zu sehr berührte.
mr fehlt es jedesjahr,aber ….
Danke, liebe Brigitte, und ja, ich finde es auch ganz furchtbar, was da im Augenblick passiert.