Anja Niedringhaus – An vorderster Front
Fotografieren war schon in jungen Jahren ihr Hobby, das sie nach ihrem Studium dann auch beruflich nutzte. Ihre Fotos vom Mauerfall 1990 verschafften ihr schließlich eine Anstellung bei der European Pressphoto Agency.
Bevor Anja Niedringhaus sich der fotografischen Kriegsberichterstattung verschrieb, war sie bei zahlreichen wichtigen Ereignissen, ob Sport (Olympia, Wimbledon usw.) oder Politik (Mauerfall, 9/11 usw.) anzutreffen.
Diese Bilder zeigen schon deutlich, dass Anja die Fähigkeit hatte, genau im „richtigen“ Augenblick auf den Auslöser zu drücken, und das Auge, um Emotionen einzufangen.
Ab 1992 dann begab sie sich in Krisen- und Kriegsgebiete, um dort das Geschehen fotografisch festzuhalten.
Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir noch nie so schwer gefallen ist, etwas über eine Ausstellung zu schreiben. Die hier ausgestellten Fotos gehen einfach unter die Haut, teils durch die dargestellte Tragödie, vor allem aber auch durch das, was nicht explizit gezeigt wird, was sich im Kopf des Betrachters abspielt. Wir sind es ja mittlerweile tagtäglich gewöhnt, im Fernsehen mit Kriegsbildern aus der Ukraine und anderen Kriegen überflutet zu werden. Das ist schlimm, aber sie sind nach 3 Sekunden weg. Hier steht man vor diesen Fotos. Lange. Und kann die Szenen auf sich wirken lassen. Und je länger man davor steht, umso eindringlicher werden Katastrophe und Leid.
Es gibt zahlreiche Fotos aus dem Jugoslawien-Konflikt, trauernde Menschen, müde Soldaten und dann wieder Fotos, die die Normalität zeigen, wie sie eben auch im Krieg vorhanden ist. Niedringhaus Hauptaugenmerk liegt nämlich vornehmlich auf dem Leid der Zivilbevölkerung und ihren Gefühlen.
Die im Jahr 1566 erbaute Brücke Stari Most, Wahrzeichen Mostars, wurde durch Truppen des kroatischen Verteidigungsrates zerstört. 500 Jahre verband sie bosnische Muslime im Ostteil der Stadt und kroatische Katholiken im Westen und war ein symbolisches Bindeglied zwischen Morgen- und Abendland.
2004 setzt Anja Niedringhaus sich durch und kann als Teil der US-amerikanischen Truppe in den Irak gehen. Die Bilder von dort dürften den amerikanischen Befehlshabern zum Teil nicht unbedingt gefallen haben.
Aufgrund dieses Fotos wird sie von der Truppe ausgeschlossen. Doch Niedringhaus gibt sich nicht geschlagen. Die Realität zu fotografieren, sei ihr Beruf. „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“
Mich beschäftigen hier zwei Fragen: Wie viel Angst muss der Soldat haben, dass ein kleines Mädchen für ihn eine tödliche Falle sein kann, und gab es tatsächlich irakische Menschen, die ein kleines Mädchen als Selbstmordattentäter eingesetzt haben? Ich mag nicht darüber nachdenken. Beide Vorstellungen sind zu grausam.
Dieses Foto bringt Anja Niedringhaus schließlich den Pulitzer-Preis ein.
Anja Niedringhaus schreibt dazu: „Jeden Tag sterben Soldaten in einem Krieg, den sie im Namen ihrer Regierung führen. Das ist die Realität. Und die Öffentlichkeit zu Haus hat das Recht, es zu erfahren.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Das gilt für alle Kriege, die im Namen von was-auch-immer geführt werden.
Niedringhaus letzte Station schließlich ist Afghanistan, das Land, in das sie sich mehr oder weniger verliebt, in das sie immer wieder zurückkehrt und deren Bewohner ihr sehr am Herzen liegen – vor allem Frauen und Kinder, für die sie sich einsetzt, wann immer das möglich ist.
Afghanistan war nie Austragungsort der olympischen Spiele. Hier, wo jetzt Kinder spielen, fanden öffentliche Exekutionen durch die Taliban statt.
An allen Kriegsschauplätzen, an denen Anja Niedringhaus ihrer Arbeit mit Leidenschaft nachgegangen ist, wurde sie während der Kampfhandlungen teils schwer verletzt. Es hat sie nie davon angehalten, immer wieder Zeugnis abzulegen von den Gräueltaten des Krieges.
Ausgerechnet in dem Land, in das sie immer wieder zurückkehrte, fand sie am 4. April 2014 den Tod. Am Tage vor den Präsidentschaftswahlen ist sie mit einer kanadischen Kollegin als Wahlbeobachterin unterwegs in ein als sicher geltendes Bergdorf. Auf dem Weg dorthin wird sie von einem Polizisten, der zu ihrem Schutz abgestellt war, aus Rache für den Tod seiner Familie erschossen. Das Todesurteil gegen den Täter wurde zunächst in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, aber dann wurde er im Zuge einer Amnestie freigelassen. Ohne Worte.
Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. September 2026, jeweils dienstags bis sonntags von 11 – 18 Uhr.