Auf dem langen Weg von Jodhpur nach Udaipur machen wir Station in Ranakpur. Unser Guide hatte uns ein außergewöhnliches Erlebnis versprochen, aber das, was uns erwartete, übertraf jede Vorstellungskraft: der größte Jaina-Tempel Indiens.
Der Jainismus ist eine sehr asketische Religion, deren Grundlage Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Keuschheit und Maßhalten sowie innere Unabhängigkeit von materiellen Gütern ist. Mahatma Ghandi gehörte zwar nicht dieser Religionsgemeinschaft an, lebte aber dennoch nach deren Regeln. Das oberste Prinzip ist das Verbot, lebende Wesen zu töten. Also sind Jainas konsequente Vegetarier.
Um ihren Tempel zu betreten, müssen auch Besucher ganz bestimmte Regeln einhalten. Dass wir am Fuße der Treppen unsere Schuhe ausziehen müssen, ist ja normal, aber auch Ledersachen, ob Gürtel, Portemonnaie oder Handtasche, dürfen nicht in den Tempel gelangen. Es darf kein Trinkwasser mitgenommen werden, denn es ist aufbereitet, also nicht mehr rein.
Erbaut im 15. Jahrhundert, wurde der Tempel häufig zerstört und immer wieder aufgebaut. Die letzte Wiederherstellung dauerte 60 Jahre und wurde von drei indischen Familien gestemmt, die auch heute noch sehr mit dem Tempel verbunden sind. Eine der Familie hat den Aufbau finanziert, die zweite Familie war für die handwerkliche Ausführung zuständig, die dritte Familie versieht den Dienst im Tempel. Einmal jährlich kommen alle Mitglieder dieser drei Familien zu einer Feier zusammen, egal, wo auf der Welt sie gerade leben.
Zum Tempel selbst ließen sich jetzt eine Fülle von Daten und Fakten aufzählen, aber das lässt sich in jedem Reiseführer nachlesen und sagt auch nichts über die Wirkung aus, die dieser Tempel auf mich (und sicher auch auf andere Besucher) hatte und die sich gar nicht beschreiben lässt. Mich hat er jedenfalls sehr bewegt.
Das Außergewöhnlichste an diesem Tempel ist sicherlich, dass er zum größten Teil aus weißem Marmor besteht und seine Kuppeldächer von 1.444 Marmorsäulen getragen werden, von denen nicht eine der anderen gleicht.
Alle Säulen, bis auf eine, sind perfekt. Eine einzige Säule ist schief – und das mit Absicht. Hindu glauben, dass das Böse auf alles Perfekte eifersüchtig und neidisch ist. Deswegen haben die Schöpfer ihren Kunstwerken kleine „Fehler“ zugefügt, um so das böse Auge abzuwenden. (Aus dem gleichen Grund malen Mütter ihren Neugeborenen mit Kajal einen Punkt auf die Wange oder an den Hals, um so das Böse davon zu überzeugen, dass ihr Kind nicht perfekt ist.)
Natürlich sieht man vor lauter Säulen nicht auf Anhieb die sonstigen Schönheiten dieses Tempels.
Gleich am Eingang traf meine Mitreisende auf den Hohepriester, der offensichtlich gerade sie aus den Hunderten von Besuchern ausgewählt hat, um mit ihr zu beten.
Im Anschluss daran ließ er es sich, nachdem er uns nach unseren Namen gefragt hatte, nicht nehmen, uns die Geschichte des Tempels und seine Besonderheiten zu erklären. Er machte uns beispielsweise auf eine unfertige Säule aufmerksam, die von einem reichen Geschäftsmann für sich selbst in Auftrag gegeben worden war, aber bevor er sie in Vollendung betrachten konnte, verstarb er. Warum? Weil er so überheblich und vermessen war, sich mit Gott auf eine Stufe stellen zu wollen.
Nach unserem Rundgang führte uns der Hohepriester zu einer Götterstatue und erklärte, er wolle noch einmal für uns und unsere Familien beten. Danach verschwand er so leise wie er gekommen war und wir haben ihn auch nicht wiedergesehen.
Unser Guide machte uns später auf die Fenster in der unfertigen Säule aufmerksam. Sie stehen für Hochmut und das Ego eines Menschen, und jeder Besucher, der sich von diesem Laster und seinem Ego befreien will, wirft eine Münze durch das Fenster und mit ihr sein Ego, auf dass er von nun an ein besserer Mensch werde.
Eine Skulptur im Tempel zeigt einen Kopf mit fünf Körpern. Das Interessante daran ist, dass der Kopf je nach Betrachtungswinkel immer mit einem anderen Körper verbunden zu sein scheint.
Am Ausgang des Tempels sitzt ein Mann, der aus Sandelholz und Wasser eine gelbe Paste herstellt, die sich die Besucher, wenn sie denn wissen, worum es geht, auf die Stirn tupfen. Da wir es nicht wussten, hat unser Guide, natürlich Hindu, die Zeremonie an uns vollzogen und uns mitgeteilt „The power of the gods is now with you“. So sei es.
Bei den Jainas gibt es noch eine Besonderheit: Es gibt Priesterinnen, die weiß gewandet (und mit Mundschutz, um ja nicht aus Versehen eine Fliege oder Mücke zu verschlucken) durchs Land reisen, stets barfuß unterwegs sind und keinerlei materielle Güter besitzen. Auf ihren Pilgerreisen kehren sie bei Glaubensbrüdern und -schwestern ein und jede Familie, bei der sie anklopfen, wird sie mit Freuden aufnehmen, denn diese Familie fühlt sich gesegnet, eine solche Priesterin beherbergen zu dürfen. Überhaupt ist Religion hier in Indien bei allen Leuten, die ich bisher getroffen habe, ein großes Thema. Das konnte ich auch bei meiner späteren Reise immer wieder feststellen. Ich komme sicher wieder darauf zurück.
Auch die Außenanlagen des Tempels sind sehenswert. Ein kleiner gepflegter Garten mit einem schönen Banyanbaum in der Mitte sowie kleinen Gästezimmern am Rande, die von den Pilgern oder auch Touristen gemietet werden können.